Der Ton in der Mitte

Spielfilmdrehbuch von
Philipp J. Neumann

Infos zum Film

Auszug aus dem Drehbuch zu Der Ton in der Mitte

41. Innen. Nacht. Bar.
Wir sehen den jungen Mann. Er sitzt an einer Bar. Es ist schon so spät bzw. früh, daß fast keine Gäste mehr da sind und es verhältnismäßig still ist. Er starrt und lauscht einem Mann mittleren Alters, der noch nicht zu sehen ist.

MANN
(man merkt nur an seinem starken Mitteilungsbedürfnis, daß er angetrunken ist)

Du gehst in ein Geschäft, du nimmst einen Einkaufskorb in die Hand, du suchst die Dinge, die du brauchst und legst sie in den Korb, der immer voller wird. – Plötzlich, ganz unerwartet stolperst du und fällst nach vorn – sofort reißt du die Arme nach oben, du willst nicht auf’s Gesicht fallen, und der Korb fliegt mit all den zusammengetragenen Sachen geradewegs durch die Schaufensterscheibe auf den Bürgersteig, das Glas berstet, überall liegen Splitter. – Es ist dir peinlich, du entschuldigst dich vielmals, gehst still und verlegen zur Kasse, bezahlst den Inhalt des Korbes und eine Scheibe, du bezahlst den Schaden. Dann verläßt du zügig das Geschäft, den Tatort.
Am nächsten Tag siehst du, als du wieder vorbeikommst, daß eine neue Scheibe eingesetzt worden ist. Die Spuren sind beseitigt. Eine Woche später ist diese kleine Lapalie vergessen.

Schnitt. Wir sehen einen Mann mittleren Alters, der auch an der Bar sitzt. Es ist derselbe, der gerade gesprochen hat. Er schweigt einen Moment und starrt vor sich hin. Er trinkt einen Schluck aus einem Glas, das vor ihm steht, dann fährt er fort.

MANN (CONT’D)
Was nun aber, wenn du nicht zur Kasse gehen kannst, wenn du nicht den angerichteten Schaden bezahlen kannst, wenn es für deinen Scheibenwurf keine Kasse gibt? Wenn du jeden Tag an deinem Schaufenster vorbeigehst und sehen mußt, daß dort ein Loch gähnt, wenn du jeden Tag daran erinnert wirst, daß deine  verdammte Scheibe nicht ausgewechselt wurde, weil sie nicht auszuwechseln geht? Wenn du jeden Tag daran erinnert wirst, daß der von dir verursachte Schaden irreparabel ist, wenn du sehen mußt, daß nur ein kleiner scheiß Stolperer ausreicht, um dir auf immer und ewig alles, jede verdammte Freude zu rauben.

Der Mann nimmt sein Glas und eine Flasche, die auf der Theke steht und schmeißt sie auf den Boden, während er weiter spricht, schreit. Er taumelt.

MANN (CONT’D)
Oh Gott, das war alles Schrott, als ich mich vorn überbeugte, alles Schrott, ich konnte nicht mal sehen, wie viele da drinnen waren. Verdammte Scheiße, wer ahnt schon, daß jemand so dämlich – der war ganz plötzlich da. Urplötzlich, scheiße.

Die Kellnerin flucht und kommt auf ihn zu.

MANN (CONT’D)
(Er flucht weiter, torckelt und fällt zu Boden.)
Entschuldigung… Ist schon in Ordnung… Verdammte Scheiße.

Er bemüht sich wieder aufzustehen, bleibt dann aber doch auf dem Boden sitzen.


MANN
Hast du Familie?

JUNGER MANN
Eine Freundin.

MANN
Arbeit?

JUNGER MANN
Ja.

MANN
Was machst du dann hier?

(Ende des Auszugs)

„Philipp J. Neumann drehte eine 60minütige Bilderreise. […] Bilder zwischen Realität und Traum, Phantasie und Spiel.“ 

Volkszeitung, Januar 1999

„Der Ton in der Mitte entwickelte in 61 Minuten eine Geschichte, die getragen wird von einer für diesen Film komponierten Musik, irritierend fesselnd umgesetzt mit langsamen Schnitten bis hin zu einem langen Stück Schwarzfilm fast in der Mitte des Beitrags.“ 

Themen + Frequenzen, 1. Ausgabe 2000